Warum will man einen Wolfshund haben?

Die Antwort auf diese Frage ist in den meisten Fällen leider die gleiche, wie auf die Frage: warum braucht man in der Großstadt heute einen SUV?

Wenn wir mal ehrlich sind...

Artikel von Anna Caroline Hein 2013

Wolfhunde sind faszinierend und wunderschön. So ursprünglich, so wild und so ergreifend. Doch reichen diese Gründe aus, um den Trend zum Wolfhund zu erklären? Warum reicht ein „normaler“ Hund vielen Menschen nicht mehr? Warum wollte ich selbst vor einiger Zeit einen Wolfhund haben?

Wolfhunde vermitteln ein ganz bestimmtes Gefühl. Schon als kleines Mädchen habe ich den wild romantischen Disney Film „Natty Gann –Reise in Abenteuer“ (1985) gesehen und irgendwie ist da etwas hängen geblieben. Das Gefühl von Stärke und Kraft, Liebe und Freundschaft, Romantik und Naturverbundenheit, Abenteuer und Freiheit. Wie schön ist es, sich dieses Gefühl kaufen zu können. Wie schön ist es, mit diesem Gefühl zusammenleben zu dürfen, es täglich zu umsorgen, Füttern und Streicheln zu können. Wie wundervoll ist es, eine solche Freundschaft eingehen zu können und sich ein solches Stück Abenteuer und Freiheit ins Haus zu holen.

Teamwork mal anders

Ich habe mir diesen Kindheitstraum erfüllt. Mein Wolfhund und ich gehen heute zusammen durch „dick und dünn“. Er vertraut mir und ich ihm. Mein Wolfhund braucht keine Leine und kein Halsband. Meinen Wolfhund habe ich schon von einem aufspringenden Feldhasen abgerufen. Er kam mit einem Lächeln und einem „Na gut, weil du’s bist“, zu mir zurück. Egal ob wir durchs dichte Fichtendickicht stromern oder stundenlang auf Shoppingtour sind - mein Wolfhund und ich sind ein Team und kommen klar. Inzwischen jedenfalls. 

Ich war ja gewarnt. „Man kann sich auch Probleme machen, wenn man keine hat“, hieß es da und „wenn die erst mal geschlechtsreif werden“, ging es mit erhobenem Zeigefinger weiter. So war ich auf alles vorbereitet und habe manchmal strenger durchgegriffen, als es vielleicht nötig gewesen wäre. Ich bin meinem Wolfshund gegenüber so direkt und deutlich geworden wie er mir gegenüber. Ich hatte hohe Ansprüche von Anfang an und habe mich darauf verlassen, dass da auch ein deutscher Schäferhund drin steckt -  und die sollen ja bekanntlich sehr gut zu erziehen sein. 

Wie im wirklichen Leben

In der Vergangenheit hat mich mein Wolfhund allerdings wirklich manchmal zum Verzweifeln gebracht. Ein Sofa aus Leder ist für einen 8 Monate alten Wolfhund durchaus fressbar, von diversen hölzernen Einrichtungsgegenständen sowie Büchern und Fotoalben mal ganz abgesehen. Das Schaffell „Ludde“ von einem bekannten schwedischen Möbelhaus ist mit 39,90 Euro das so ziemlich teuerste Leckerlie, das man seinem Hund bieten kann. Nicht zu vergessen die diversen Tierarztrechnungen, welche die angeblich längeren Zähne meines Wolfshundes bei anderen Hunden hervorgerufen haben.

Auch dass ausgebüxte Stallkaninchen wurde in meiner Abwesenheit ganz korrekt und fein säuberlich zerlegt - genau wie in der Natur. Und wenn auf dem Spaziergang plötzlich ein Fasan aus dem Gebüsch schießt, dann kann das Leben plötzlich wirklich so sein wie in einer gut gemachten Naturdokumentation auf Arte. Es bleiben nur wenige Federn zurück... Da ist sie, die Nähe zur Natur. Da ist das Abenteuer. Leider kann man eventuell mit seinem Wolfhund das gleiche Abenteuer auch dann erleben, wenn die Nachbarskatze aus dem Gebüsch schießt.

Glück & Können vs. Genetik

Man könnte vielleicht sagen, dass ich Glück gehabt habe. Meine Wolfhundmischung ist weniger Wolf und mehr Hund - vielleicht. Aber nun weiß ich leider auch um die Wurfschwester, bei der die Einschläferung zur Diskussion steht, da sie inzwischen auch ungehemmt in Menschen beißt - an der Genetik alleine liegt es nun mal nicht. Vielleicht habe ich trotzdem Glück gehabt. Zumindest habe ich zum Glück verdammt viel richtig gemacht.

Heute versuche ich anderen Menschen, die weniger richtig gemacht haben oder weniger Glück hatten mit ihren Wolfhunden, zu helfen. Immer wieder nehmen wir Wolfhunde und deren Mischlinge auf und/oder vermitteln sie weiter. Ich hatte eben auch das Glück mein Leben komplett auf Hunde einstellen zu können. Ich mache nichts anderes mehr. Aber nicht jeder Mensch kann und will alles für seinen Hund opfern.Ich verstehe unheimlich gut, warum man so einen Sofawolf haben möchte. Umso trauriger macht es mich wenn ich sehe, wie viele Menschen an diesen Tieren scheitern und vor allem wie viele dieser Tiere an ihrem Menschen scheitern. Und es werden immer mehr.

Faszination Wolf

Wenn Menschen mir und meinem Wolfhund begegnen, sind sie oft begeistert bis gerührt. Ich habe schon erlebt, wie Frauen in den besten Jahren zu Tränen gerührt auf die Knie sinken und fragen, ob sie „ihn“ berühren dürfen.Die Wirkung meines Wolfhundes auf meine Mitmenschen erstaunt mich immer wieder aufs Neue. Aber warum eigentlich? War ich doch selbst genauso beeindruckt und ergriffen, als ich das erste Mal einen sogenannten „Hybriden“ streicheln durfte.

Sieht man sich heute in den Wolfhunde- (und deren Mischlinge) Foren um, so wird schnell deutlich, dass es vielen Wolfhundebesitzern unheimlich wichtig ist, wie nah ihr Haustier noch mit dem echten Wolf verwandt ist. Man spricht von „Hochprozentigen“. Es wird genau berechnet, wie viel Wolfsblut und wie viel Hundeblut in den Adern des Prestigeobjektes fließt. Man diskutiert kleinlich den Verlauf der Rückenlinie, die Länge der Zähne und des Fells. Auch ist es unheimlich wichtig, ob es wirklich ein Wolfhund ist oder nur ein Hund, der aussieht wie ein Wolf.

Je wölfischer der Hund, desto cooler der Besitzer. Nicht zuletzt wird dieses Denken ja auch von Züchtern gefördert, die sogar unterschiedliche Preise für Welpen aus dem gleichen Wurf verlangen, weil manche Farbschläge wölfischer sind oder gefragter als andere. Schnell wird einem klar, um was es wirklich geht. Nicht die große Liebe zur Natur treibt viele Wolfhundbesitzer an, sondern viel mehr das eigene Ego.

Der Wolf als Familienhund

Verschiedene Züchter bedienen diesen hoch emotionalen Markt natürlich sehr gerne mit immer neuen und hochprozentigeren Wolfhundkreationen. Sogar ein Copyright wird bestimmten Kreuzungen auferlegt, damit es ja keiner wagt es einem gleich zu tun. Das Tier als Markenprodukt. Auch ein Verbot die dort erstandenen Tiere weiter zu vermehren darf man im Zweifelsfall mit dem Kaufvertrag unterschreiben. Manch einer tut sich wichtig als Ur-Züchter einer bestimmten Kreuzung und bei anderen Tieren scheint die Luft in deren Ursprungsland dem Tschecheslowakischen Wolfshund mehr Echtheit zu verleihen, als den Hunden von Züchtern der gleichen Rasse in Deutschland. Als familientauglich und leicht händelbar wird das Zuchtziel auf manchen Internetseiten beschrieben. Nur dass dieses noch lange nicht erreicht ist. 

Andere Züchter geben auf ihrer Internetpräsenz an, dass - auch wenn der Wolfanteil sehr gering ist - die herkömmliche Ausbildung nur bedingt gelingen würde und bestärken damit ihren potentiellen Kunden noch darin, dass er sich hier etwas ganz besonderes zulegen wird.

Viele Wolfhunde verhalten sich tatsächlich über kurz oder lang so wölfisch, dass man mit ihnen nicht mehr in einer Fußgängerzone oder wenigstens auf einer öffentlichen Freilaufwiese schaulaufen gehen mag. Entweder weil sie zu scheu sind Menschen gegenüber oder zu heftig den langweiligen (weil normalen) Hunden gegenüber oder umgekehrt oder beides.

Bald also mag der unbedarfte frischgebackene Wolfhundehalter gar nicht mehr mit seinem Wolfi auf die Hundewiese gehen, weil sein Wolfi doch den kleinen Westie beim Spielen mal so dumm erwischt hat, dass dieser jetzt den Rest seines Lebens nur noch mit einem einzigen Lungenflügel herumhopsen wird. Geht man eben woanders spazieren – dann muss man auch nicht so viel mit Menschen reden. Leider war das Wölfchen dann neulich drei Stunden im Wald - ganz allein. Da will man gar nicht so genau wissen, was es da getrieben hat… kauft man eben eine längere Leine.

Nach dem Besuch von sämtlichen Hundeschulen springt das Wölfchen zur Begrüßung immer noch allen Famillienmitgliedern mit allen vier Pfoten gleichzeitig ins Gesicht und knabbert freundschaftlich auch mal in die Schulter – außer beim Schwiegervater, der wird wie am ersten Tag angeknurrt und höchst misstrauisch beäugt und der Postbote und der Klempner und, und, und... Nur in der Hundeschule, da weiß er sich zu benehmen – oder wie soll man das nennen? Wolfi liegt platt auf den Boden gedrückt am Zaun und mag nicht mehr, nimmt auch kein Leckerlie. Am Besten geht man nicht mehr in diese Hundeschule, die taugen ja wohl nichts.

Die Pfützen, die er mit zehn Monaten zur Begrüßung von Herrchen immer noch macht sind inzwischen weniger schmeichelhaft als viel mehr nur noch ärgerlich. Dann hat er neulich noch den Sonntagsbraten aus dem Ofen gezerrt – der war schon seit einer Stunde bei 200 Grad da drin und der Wolf hat gar nichts übrig gelassen. Dabei war man nur kurz zum Telefon gelaufen.

Schließlich beginnt der Wolfhund die anderen Tiere im Haushalt zu schikanieren. Den Yorkie muss man gänzlich von ihm fernhalten, irgendwie nimmt er den nicht mehr ernst und dem alten Schäferhund-Mix will er plötzlich ernsthaft ans Leder. Dabei hat er nun auch die Hand von Herrchen mal zwischen die Zähne bekommen und die ist leider dick geworden –Tetanusspritze und zwei Wochen krank geschrieben. Manche Wolfhundeexperten raten in solchen Fällen übrigens zur Abgabe der anderen Hunde. Auch vom Ehemann könne man sich doch trennen. Und Kinder? Wer will schon Kinder wenn er einen Wolfshund haben könnte?Zu guter Letzt hängt der Haussegen also irgendwann gründlich schief.

Spätestens jetzt beginnt der geknickte Wolfhundbesitzer sich Gedanken darüber zu machen,  dieses Tier eventuell irgendwo in geeignete Hände vermitteln zu können. Aber schließlich hat er mal viel Geld für das Tier bezahlt. Daher versucht er es erst mal bei „Deine Tierwelt“ oder Ebay – es wird sich schon jemand finden, der einen Fast-Wolf haben will, oder? 

Nein will keiner haben. Nicht dann, wenn das Kind bzw. der Wolfhund schon in den Brunnen gefallen ist. Davon ist dringend abzuraten. Besser man holt sich einen Welpen vom Züchter. Jeder Wolfshund, der schon älter als vier Monate ist gilt quasi als abgelaufen, den kann man nicht mehr hinbekommen heißt es… Und der Züchter nimmt ihn auch nicht zurück. Und wenn, dann wird der Versager noch beschimpft und bekommt mit Sicherheit auch sein Geld nicht zurück. Im Zweifelsfalle auch dann nicht, wenn er das Tier schon nach einer Woche wieder zurück bringt.

Dunkle Zukunft

Was bleibt also dem vormals so stolzen Wolfhundebesitzer?

In einigen Fällen teilt er sich in Zukunft sein Leben mit einem Tier, mit dem er niemals unangeleint spazieren gehen kann und dass er auch nie alleine im Haus lassen kann, wenn er hinterher keine unangenehmen Überraschungen erleben will. Sogar die selbsternannten Wolfhundexperten müssen umdenken und empfehlen inzwischen ausbruchsichere Grundstücke, die mit hohen Zäunen und Strom gesichert sind und raten zu einem mit einer Box oder einem massiven Käfig gesicherten Auto.

Verzweifelten Besitzern eines ersten Wolfhundes wird aber mitunter auch geraten, sich einfach einen zweiten Wolfhund zuzulegen, um den ersten besser auszulasten. Prompt haben sie dann statt nur einem gleich zwei Probleme. Schließlich sehen sie ein, dass man vielleicht ein ordentliches Gehege für solche Tiere braucht. Dafür wird dann das ganze Grundstück mit 2,50 Meter hohen Zäunen (oben geschrägt und ohne Querrippen) versehen und wenn der Vorgarten dann aussieht wie eine sandige Kraterlandschaft ohne jegliche Grasnarbe, dann weiß der Wolfhundebesitzer, er hat alles menschenmögliche getan für seine Liebe zur Natur.

Derweil sieht er sich im Internet um - nach was kleinem, nettem für die Kinder – ein Hund mit dem man mal im Wald spielen gehen oder ganz zwanglos auf der Hundewiese toben kann. Ein Kromfohrländer vielleicht? Der jagt ja bekanntlich nicht (…)