Es sind 'nur' noch fünf Tiere in Spanien

Ein schweizer Tierschutzverein bat uns um Hilfe in Spanien. Auf Mallorca gibt es einen Mann der seine 16 Wolfhunde einschläfern will, da er schwer erkrankt ist und nicht mehr für sie sorgen kann. Ein paar Mal sind die Tiere schon ausgebrochen und haben bereits Schafe und sogar einen Esel auf dem Gewissen.

Das wir keinen Platz hatten, um weitere Tiere aufzunehmen, war den Tierschützern schon klar, bevor sie uns anriefen. Dennoch wollten sie nichts unversucht lassen, um den Tieren das Leben zu retten. Die vier älteren Tiere (um die 10 Jahre) sind zu dem Zeitpunkt bereits eingeschläfert worden.   

Wie der Zufall es wollte, hatten wir für diesen Sommer bereits einen Urlaub auf der Insel geplant und versprachen vorbeizukommen um die Tiere vor Ort einzuschätzen. Nun wollten wir natürlich wissen, was da in den Bergen dieser beliebten Ferieninsel gezüchtet worden ist.

Die Tiere waren sehr scheu, aber eher aufgrund der Haltungsbedingungen als aufgrund des Wolfsanteils in ihnen. Wären sie als Welpen schon wie ein Hund erzogen worden, hätten aus ihnen durchaus Tiere werden können, mit denen man angeleint durch Palma spazieren geht. Leider sind sie durch die reine Gehegehaltung in ihrem Familienrudel ‚verwolft‘. Das geht sehr einfach mit Wolfhunden, ähnlich dem Wildtier, fühlen sie sich nicht annähernd so zum Menschen hingezogen, wie ihre domestizierten Verwandten.

Wir versuchten trotzdem mit Hilfe der sozialen Medien irgendwen zu finden, der ein oder sogar zwei dieser Tiere bei sich aufnehmen könnte. Der Aufruf wurde in kürzester Zeit 1,8 tausend Mal geteilt mit über 160 000 erreichten Personen und es meldete sich niemand!

Äußerlich erinnern die Tiere eher an Schäferhunde als an Wölfe und so lehnten auch sämtliche Tierparks oder Zoos ab, sie aufzunehmen. 

Es fand sich schließlich doch jemand über ein paar Kontakte aus der spanischen Wolfhundeszene auf dem spanischen Festland.

So konnten wir noch während unseres Urlaubs mithelfen zwei der Tiere einzufangen. Sie wurden mit Hilfe eines Blasrohrs narkotisiert und dann in eigens für sie konstruierte, ausbruchsichere Metallboxen gelegt. Diese Boxen konnten dann mit der Fähre aufs Festland transportiert werden. 

Die Monate gingen ins Land und nachdem wir unser Posting erneut teilten, bekamen wir den Tipp es in Frankreich zu versuchen. Es gäbe da eine Auffangstation und die haben bereits eine ganze Menge an Wolfhunden und ähnliche Tiere wie Malamuten und Huskies aber auch viele Herdenschutzhunde. Die meisten Tieren sollten euthanasiert werden, bevor sie dort aufgenommen wurden.

Wir waren schwer beeindruckt, dass es in Frankreich Menschen gibt, die es schafften viele, viele solcher Tiere aufzunehmen und vor allem so zu halten, dass sie nicht entweichen konnten. Ein Grund warum viele Tierheime es ablehnen Wolfhunde aufzunehmen ist schließlich, dass sie nicht die richtigen Zäune haben, die ein solches Tier nicht mit Leichtigkeit überklettern kann. Ausserdem kann man ja in den seltensten Fällen mit mehreren Tieren dieser Art gleichzeitig spazieren gehen. Und da wir ja selber zu viert bei uns 30 Tiere versorgen, wissen wir sehr genau wieviel Zeitaufwand es ist, alle zu füttern und dann noch einigermaßen ausgelastet zu bekommen. Von den Putz- und Pflegearbeiten, die da anfallen mal ganz zu schweigen…

Kurzum wir waren total begeistert, dass es da eine Organisationen gibt, die tatsächlich an die 60 solcher Individuen bei sich hegen und pflegen kann. 

Natürlich teilten sie uns mit, dass sie keine Kapazitäten mehr hatten, um weitere Tiere aufzunehmen -wäre auch zu schön gewesen!

Aber...

 

Aber?

Wenn wir ihnen helfen würden, ein weiteres Gehege zu finanzieren, dann könnten sie bestimmt zwei oder sogar noch drei Tiere darin unterbringen.

Wir waren völlig von den Socken! Ein Spendenaufruf musste her! Und nur wenige Monate später stand die Finanzierung und der Bau des Geheges konnte beginnen.

Wir sprechen kein Französisch und die dort kein Englisch, geschweige denn Deutsch, weswegen wir uns mit einem einzigen Foto von dem LKW, der angeblich das von uns bezahlte Material angeliefert hat, zufrieden gaben. Ziemlich dumm, wenn man das Ganze rückblickend betrachtet.

Damals war unser nächstes Problem, wie wir es organisieren die Tiere von Mallorca in das Herz Frankreichs zu transportieren. Die Tierschutzvereine vor Ort litten sprichwörtlich unter dem ‚Rotkäppchensyndrom‘. Diese intensiven Blicke aus den schlauen, hellgelben Augen in den dunklen Gesichtern der Wolfhunde hielt die Tierschützer tatsächlich davon ab, anzubieten mit den Tieren in gesicherten Transportboxen diese Tour alleine zu unternehmen.

Wieviele Wolfhunde haben wir bei uns aufnehmen müssen, weil die Nachbarn oder die Schwiegereltern der stolzen Wolfhundbesitzer einfach echt Angst hatten und die Behörden eingeschaltet haben oder einschalten wollten?

 

Also musste ein neuer Plan her.

Ich flog nach Mallorca und begleitete das Einfangen und narkotisieren der Tiere. Dann sollte ich mit der schweizer Tierschützerin in ihrem Transporter und den Wolfhunden mit der Fähre die acht Stunden bis aufs Festland zurücklegen. Wir trafen meinen Mann, der unseren Transporter aus Norddeutschland mitgebracht hat, um mich und die Wolfhunde nach Frankreich zu der Auffangstation zu begleiten.

Gesagt, getan! Und alles verlief nach Plan. Wir konnten die Tiere gezielt separieren und mit dem Narkosepfeil sedieren. Alle wurden untersucht inklusive Blutentnahme, frisch geimpft, und mit einem Mittel gegen Parasiten versehen. Wenn man schon die Chance hat…

Unsere Fähre hatte dann drei Stunden Verspätung und warf unseren Zeitplan durcheinander. Immer wieder kontrollierten wir die inzwischen erwachten Tiere in den Boxen und versorgten sie mit frischem Wasser. Die Wolfhunde verhielten sich ausgesprochen ruhig und machten uns tatsächlich überhaupt keine Sorgen. Die haben nicht mal ‚stress-gehechelt‘!

Endlich war es soweit und wir konnten die verdammt schweren Boxen von einem Transporter in den anderen umladen. Jetzt lagen nur noch 300 km vor uns! Was für eine Vorfreude! Wir waren sehr aufgeregt und konnten es kaum noch erwarten, endlich diese Tiere aus den Boxen zu lassen. Wir wollten die Tiere endlich über die grünen Wiesen laufen sehen, die uns der kleine YouTube-Film von ihrem zukünftigen Domizil versprochen hatte.

Dann war es soweit. Wir waren da. Ohrenbetäubendes Gebell und Geheul machte sich breit, aber unsere Wolfhunde blieben weiter sehr ruhig. Nur konnten wir nicht näher ranfahren mit unserem schweren Transporter, da die Auffahrt sich als eine einzige Schlammpfütze präsentierte. Also stiegen wir erstmal aus und stapften durch den Morast.

Nach ca. 50 Metern erreichten wir die ersten Gehege und verständigten uns wegen des Lärms mit Blicken. Bald kam uns ein Mann entgegen, der einen Kinderwagen schob und ein weiteres Kleinkind an der Hand führte, dass sich schüchtern versuchte hinter ihm zu verstecken.

Er gestikulierte uns und wir gingen gemeinsam zurück zu unserem Transporter. Er informierte uns in schlechtem Englisch, dass seine Frau gleich von der Arbeit zurück käme. Wo waren die Mitarbeiter? Außerdem wollten wir nun erfahren, wo das Gehege für unsere Tiere ist und überlegten schon wie wir diese schweren Boxen durch den Schlamm bis dahin schaffen sollten. Die Boxen waren mit Rollen ausgestattet, aber durch einen solchen Morast würden sie es nicht schaffen.

Also winkte er uns wieder zurück zu den rostigen Stahlbetonmatten, die den kleinen Gehegen als Umzäunung dienten. Wir liefen ratlos hinter ihm her, vorbei an all den unzähligen Tieren. Wolfhunden jeglicher Form und Farbe. Wild bellende Herdenschutzhunde. Gelbe Augen beobachten uns vorsichtig oder nähern sich leise dem Zaun um mit angelegten Ohren schnell über unsere Hand zu lecken.

Wir müssen durch einen Weidezaun klettern und befinden uns auf einer großen, sehr weitläufigen Pferdekoppel die die hinteren Hundegehege umschließt. Sechs Pferde traben sofort neugierig auf uns zu und werden von unserem Begleiter wieder vertrieben. Das dreijährige Kind beginnt zu weinen. An der linken Außenseite des Geländes zeigt er uns das für unsere Tiere vorgesehenen Konstrukt aus verschiedenen Zaunsorten die behelfsmäßig improvisiert aneinander geflickt worden sind. Es sah aus, als ob einfach an die bereits existierenden Gehege mit geringen Mitteln ein weiteres Areal geschaffen wurde. Ungefähr 20 cm über dem Boden, sowie am oberen Ende der Umzäunung waren teilweise Stromlitzen angebracht, was die Tiere vom Untergraben sowie Überspringen abhalten sollten. Einige Stellen des Zaunes waren zwar sehr hoch aber durchaus zu überklettern.

Ganz langsam dämmert es uns, dass wir unsere uns anvertrauten Tiere hier nicht lassen werden. Hatten sie vorher ein schlecht gesichertes Gelände, welches dazu geführt hatte, dass sie hungrig ausgebrochen waren und einen Esel reißen konnten, so hatte es ihnen aber wenigstens eine Menge Versteckmöglichkeiten, steinige Höhlen, schattenspendende Bäume und dichtes Unterholz geboten. Hier hatten sie nichts! Kaum Platz und ein einzige kleine Holzboxen inmitten der Schlammlöcher. Dafür den Blick auf eine Pferdekoppel, direkter Kontakt zu drei benachbarten Gehege, Blickkontakt zu dutzenden verschiedener Tiere.

 

Das war Wahnsinn! Ungläubig sahen wir uns nochmal um. Das kann doch nicht sein?

Es befand sich bereits ein Wolfhund darin, anhand der Schlammpfützen war gut zu erkennen, dass er schon seit Tagen immer wieder im Kreis den Zaun entlanggelaufen sein musste.

Jetzt wußte ich warum die Fähre Verspätung gehabt hat! Wären wir hier mitten in der Nacht angekommen, hätten wir die Tiere vielleicht einfach ausgeladen und sie diesem Schicksal überlassen. Später weiß man immer wofür etwas gut war!

Ich begann fieberhaft rum zu telefonieren. Schilderte die Situation. Bat um Hilfe. Wir konnten die Tiere doch nicht mit zu uns nach Hause nehmen? Das wäre noch eine zwei tägige Reise. Wie lange sollten die Wolfhunde noch in den Boxen bleiben? Wohin? Wohin nur? Was tun? Gleichzeitig versuchten wir den Anwesenden zu erklähren, warum wir die Wolfhunde wieder mitnehmen werden.

Endlich kam die rettende Zusage! Ein Tierheim in Süddeutschland hat vorübergehen eine geeignete Unterbringungsmöglichkeit! Und es war nur 800km entfernt…

Völlig erschöpft kommen wir nun mitten in der Nacht dort an und können endlich unsere Wolfhunde befreien. Sie haben die lange Reise erstaunlich gut überstanden! Was für eine Erleichterung!

Ein kleines aber gut abgesichertes und vor allem sauberes Gehege, in dem sie nun ein paar Monate bleiben können. Die Mitarbeiter des Tierheimes haben es inzwischen geschafft dass die vier ihnen die Leckeres aus der Hand nehmen! Ich sagte ja, es sind keine Wölfe!

;)